Dringlichkeit

Der Kolonialismus ist nicht Vergangenheit, sondern er erscheint in subtilen neuen Formen und impliziten Abhängigkeiten. In unserer Wahrnehmung gibt es entweder Menschen, die sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen oder aufgrund eines grossen Bewusstseins so viel Angst vor Fehlern haben, dass sie vor gemeinsamen Projekten komplett zurückschrecken. Passivität scheint jedoch nicht der richtige Weg zu sein. Wir brauchen einen Perspektivenwechsel und neue Wege der Zusammenarbeit. Beziehungsmuster und Machtkonstellationen kolonialer Herrschaft haben Bestand, weil Perspektiven immer und immer wieder reproduziert, kultiviert und tradiert werden. Es braucht eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und gegenwärtigen Mechanismen, um den Kreislauf zu durchbrechen; die Dekonstruktion und Reflexion von Denk- und Handlungsmustern. Denn sie sind die Wurzeln, die postkoloniale Konstellationen halten und nähren.

Wir glauben, dass eine gemeinsame Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit unverzichtbar ist. Um wirkmächtige Denkmuster und Handlungsmechanismen aufzudecken und die eigene Rolle in einem komplexen System zu reflektieren, braucht es einen Perspektivwechsel und Austausch über Erfahrungswerte. Nur so ist es möglich, in einen ehrlichen und konstruktiven kollektiven Diskurs zu treten. Wir müssen verstehen, dass wir alle Verantwortung tragen und uns verpflichten können, anders zu denken und zu handeln. Welche Denkmuster sind heute noch in unseren Köpfen verankert? Welche unbewussten stereotypen Zuschreibungen dienen uns als Orientierung für unser Handeln? Wo reproduzieren wir weiterhin koloniale Verhältnisse? Und welche Rolle spiele ich in der fortdauernden Wirkung dieses Geschehens?

Die Opfer-Täter-Geschichte scheint uns dabei ein zu einfaches Narrativ; vielmehr möchten wir die Komplexität des Themas aufzeigen, Zwischentöne zulassen und einen Raum gemeinsamen Denkens eröffnen. Den kollektiven Prozess des Theaters also als Mittel nutzen, sich mit einer offenen und lernenden Haltung über die eigene Geschichte und Identität Gedanken zu machen, ihnen eine Gestalt zu geben und so im besten Fall auch die Zuschauenden in eine eigene Reflexion zu bringen.